Zimmer Frei




Geschichtliche Wurzeln

Die Geschichte der deutschen Burschenschaften und damit auch die der Brunsviga Göttingen ist untrennbar mit der Bildung und Entwicklung des modernen deutschen Nationalstaates verwoben. Ihre ideengeschichtlichen Wurzeln liegen in der ersten und zweiten Dekade des 19. Jahrhunderts, maßgeblich beeinflusst durch die Aufklärung, den Humanismus und die Ideen der französischen Revolution.

Die Aufklärung und ein aufkeimendes Bürgerbewusstsein stärkten in der Mittelschicht das Verlangen nach größerer Volkssouveränität, Freiheit, Gleichheit und Demokratie. Dem "Liberte – Egalite - Fraternite!" Frankreichs entsprach der Wahlruf der Burschenschaften "Ehre – Freiheit – Vaterland!".

Brunsviga als Progressverbindung

Unter den Voraussetzungen der absolutistischen Restauration entstand von Göttingen aus die sogenannte "Progreßbewegung". Da Burschenschaften und politische Vereinigungen weiterhin verboten waren und diesen das Etikett revolutionär-aktivistisch anhing, übertrug der "Progreß" die Forderungen nach Einheit, Freiheit, Bürgerrecht und Reform der Universitäten auf einen eher bürgerlich-liberalen, reformerischen Stil. Sein Überleben unter dem Brennglas der Obrigkeit war damit zunächst gewährleistet.

In Göttingen gründet sich am 2. Juli 1848 die "Brunsviga" als Zusammenschluss von 16 zumeist Braunschweiger Studenten, die sich dem Progreß und den Ideen und Forderungen der Urburschenschaft verpflichtet fühlen ( - sie tragen als äußeres Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit in Anlehnung an die damaligen braunschweigischen Landesfarben: blau – weiß- gold).

Rehabilitierung und Umbenennung

Seit den 1860er Jahren betrachten sich die deutschen Burschenschaften als legitimer Bestandteil der Gesellschaft. Die Progreßverbindung Brunsviga benennt sich 1862 um und führt als erste Studentenverbindung am Ort die Bezeichnung "Burschenschaft", nachdem die Verbote gegen derartige Organisationen aufgehoben worden waren. Verbunden damit war das Privileg, die "alten" Farben (schwarz-rot-gold) zu führen.

Von Weimar bis 1936

Zu allen Zeiten repräsentierten die Mitglieder der Burschenschaft Brunsviga weite Teile des Bürgertums aus den unterschiedlichsten politischen Lagern und gesellschaftlichen Milieus. Diese Heterogenität sorgte beständig und nach allgemein anerkannten Regeln und Prinzipien für anregenden Austausch, kontroverse Diskussion und Innovationskraft.

Dieser Umstand bedeutete aber auch, dass sich gesellschaftliches Allgemeingut nach Mehrheitsentscheidungen im Rahmen der Burschenschaft niederschlug. Die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte gingen daher auch nicht spurlos an der Brunsviga vorbei: So nahm man am Ende der 1920er Jahre z.B. keine jüdischen Kommilitonen mehr auf oder begrüßte in Teilen die Einführungen des sogenannten Führerprinzips im Dachverband und den Einzelburschenschaften nach der Machtergreifung 1933.

Die Nationalsozialisten umwarben zunächst erfolgreich Teile des burschenschaftlichen Spektrums und eine beträchtliche Zahl von Burschenschaftern stand den Programmen Hitlers positiv gegenüber. Die Wende kam erst, als die Vertreter des auf Gleichschaltung bedachten NS-Studentenbundes (NSDStB) die Burschenschaften aus der Studentischen Vertretung, den Universitätsgremien und Ausschüssen drängten. Nun lehnten sich die Burschenschaften vehement auf und es bedurfte mancherorts scharfer Maßnahmen des Unterdrückungsapparates, um den Widerstand zu zerschlagen. Das Ergebnis war die Zwangsauflösung des Dachverbandes und seiner Glieder – so bei der Brunsviga am 15. März 1936.

Besinnung und Zukunft

In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg galt es, den Spagat zwischen Neuanfang und Kontinuität zu meistern. Für die Mitglieder, die der Brunsviga während der "Überwinterung" unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft zugewachsen waren bedeutete dies die Auseinandersetzung mit den älteren Mitgliedern und umgekehrt. Der Neuanfang gelingt, nachdem die Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit einsetzt und man eine bewusste Hinwendung auf die Traditionslinien von 1848 und davor vollzieht.

Wichtigstes Vermächtnis dieser Epoche ist die Erkenntnis, dass ein Abweichen vom "alten" Weg der Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Demokratie – eine Vernachlässigung des aufklärerischen, humanistisch geprägten Weltbildes- unweigerlich in die Katastrophe und zur Missachtung der gesellschaftlich notwendigen Funktionen führt.

In diesem Sinne hielt die Brunsviga beispielsweise während des kalten Krieges immer an der Einheit der Nation fest und blieb bei der kritischen Sicht auf und der Anklage des menschenverachtenden Regimes in der DDR. Die Ereignisse des Jahres 1989/ 1990 sollten diese Position bestätigen.

Die Bildung und geistige Nährung ihrer Mitglieder ist seit den frühesten Tagen des Bestehens der Burschenschaft Brunsviga immer ein wesentliches Anliegen gewesen und wird bis auf den heutigen Tag beständig verbessert.

Die wichtigste Aufgabe der Zukunft ist der Bau des Hauses Europa und die Positionierung der deutschen Republik darin. Es wird erneut darauf ankommen, mit Mut und Augenmaß die richtige Balance zwischen Bewahrung und Erneuerung zu finden.