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Die Georg-August Universität im 18. und frühen 19. Jahrhundert

Unter der Leitung von Gerlach Adolph von Münchhausen entstand mit kaiserlichen und landesherrlichen Privilegien von 1733 bis 1736 und offizieller Inauguration am 17. September 1737 die Georgia Augusta (nach dem Landesherren, Georg II., Kurfürst von Braunschweig und Lüneburg, König von Großbritannien und Irland) gewissermaßen als Prototyp einer modernen Universität in aufklärerischer Konzeption. Gemeint ist damit vor allem der Grundsatz freier Lehre, Forschung und Publikation, der im richtungsweisenden Universitätstatut von 1734 garantiert worden war.

Erstmals an einer deutschen Hochschule war die Theologische Fakultät ihrer Aufsichtsfunktion über das gesamte Kollegium entkleidet. So konnte sich eine Philosophische Fakultät entwickeln, die in wenigen Jahren einen bis dahin ungekannten Reichtum neuer Disziplinen gewann und noch heute nicht wenig zum akademischen Reiz der Georgia Augusta beiträgt. Viele Fächer fanden hier erstmals eine eigenständige Ausprägung: die Klassischen Altertumswissenschaften einschließlich der philologischen Lehrerausbildung, die Geschichtswissenschaft, die Rechtswissenschaft, die Orientalistik, um nicht einmal alle zu nennen.

Auch der Ruf Göttingens als eine Wiege der Naturwissenschaften geht auf diese Weichenstellung zurück. Die Gründung der Universität leitete eine zweite Blüte in Göttingen ein. Dank der gelungenen Berufungspolitik Münchhausens entwickelten sich auch die übrigen der vier Gründungsfakultäten noch im 18. Jahrhundert zum Rang der führenden Universität des protestantischen Deutschland und damit zu internationaler Attraktivität. Lange Zeit galt die Universitätsbibliothek als die weltbeste ihrer Art.

Von den 1830ern bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

Die erste Blütezeit der Universität im liberalen 18. und frühen 19. Jahrhundert wurde durch nachfolgende staatliche Repression erstmals gebrochen: 1837 entließ der neue hannoversche König Ernst August die "Göttinger Sieben" – die Professoren Albrecht, Dahlmann, Ewald, Gervinus, Jacob und Wilhelm Grimm und Weber, die in Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung der akademischen Korporation gegen die Aufhebung eines liberalen Staatsgrundgesetzes protestiert hatten. Ein Auszug aus der Erklärung der Professoren zeigt, wie sehr ihre Entscheidung eine Gewissensfrage war: "Allein das ganze Gelingen der Wirksamkeit der Gelehrten beruht nicht sicherer auf dem wissenschaftlichen Werte ihrer Lehren, als auf ihrer persönlichen Unbescholtenheit. Sobald sie vor der studierenden Jugend als Männer erscheinen, die mit ihren Eiden ein leichtfertiges Spiel treiben, eben sobald ist der Segen ihrer Wirksamkeit dahin!"

Die Ausweisung bedeutete einen schweren Verlust geistiger Substanz. Die Politisierung der Professorenschaft, die 1848 in der Paulskirche am deutlichsten wurde, hatte hier den entscheidenden Anstoß. Durch diese Maßnahme war die Georgia Augusta in ihrem Bestand ernstlich gefährdet. 1843 beantragte deshalb die Universität die Rückberufung der entlassenen Professoren, jedoch nur Weber und Ewald kehrten zurück. Die Philosophische Fakultät erholte sich davon erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, nachdem die Georgie Augusta zur preußischen Landesuniversität geworden war. Die Mathematische Fakultät gelangte unter Gauß, Weber und dem Chemiker Wöhler zu Weltruhm, der besonders Amerikaner ins Göttinger Chemieinstitut zog.

Von 1910 bis 1945

Männer wie Klein, Hilbert, Winkowski, Runge, Landau und Courant machten Göttingen zu einem Weltzentrum der Mathematik. Bedeutende Professoren wie Wallach, Windaus (Nobelpreise für Chemie 1910 bzw. 1928), Frank, Born (Nobelpreise für Physik 1925 bzw. 1953), Pohl, Prandte und Kühn hielten den führenden Ruf Göttingens in den Naturwissenschaften aufrecht. Es würde den Rahmen sprengen, alle mit Göttingen verbundenen Nobelpreisträger aufzuzählen – es sind über 40. Der erste im "engeren Kreis" war Otto Wallach, der den Chemie Preis 1910 erhielt.

Unter dem NS - Regime wurden die personellen Verluste von 1837 noch überboten. Mehr als 50 jüdische und oppositionelle Professoren wurden vertrieben. Der durch Forscher von Weltrang wie James Franck, Max Born, Richard Courant und viele andere gepflegte "Geist von Göttingen" lebte in den Ländern des Exils weiter. Daß das Kollegium der Hochschule sich der Barbarei nicht im Bewusstsein etwa der Tradition von 1837 widersetzte und sich der provinziellen Verkümmerung durch die Nazi-"Wissenschafts"-Politik auslieferte, geht als dunkelstes Kapitel in die Geschichte der Georgia Augusta ein.

Die Entwicklungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs

Die Georgia Augusta hatte den Zusammenbruch 1945 fast unzerstört überstanden und konnte als eine der ersten deutschen Universitäten im September des selben Jahres den Betrieb mit 4000 Studenten wieder aufnehmen. Den nach 1933 eingetretenen Substanzverlust auszugleichen bemühten sich jetzt eine Vielzahl von Wissenschaftlern, die ihre Wirkungsstätte verloren hatten, ihnen voran Max Planck, der die verbliebenen Institute der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft unter seinem Namen neu formierte.

Als Leiter von Max-Planck-Instituten arbeiteten Werner Heisenberg, Max von Laue, Carl Friedrich von Weizsäcker und Otto Hahn. Ihre Namen sind mit dem "Appell der Göttinger 18" verbunden, die sich in den 50er Jahren gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr wandten. Als außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sind das auf dem Gebiet der Plasmaphysik arbeitende MPI für Aeronomie und das u.a. mit gesellschaftlichen Prozessen in Mittelalter und Neuzeit sowie Quellendokumentationen befasste MPI für Geschichte zu erwähnen. Eine ideale Ergänzung dieser Forschungslandschaft bilden das Institut für den Wissenschaftlichen Film und das Deutsche Primatenzentrum.

Aus den vier Gründungsfakultäten entwickelten sich seit den 20er Jahren schließlich acht, die mit einer neuen Präsidialverfassung in 14 Fachbereiche übergeleitet wurden: Theologie, Jura, Medizin, Historisch-Philologische Wissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie, Geowissenschaften, Biologie, Forst-, Agrar-, Wirtschaft- und Sozialwissenschaften.

Die Universität Göttingen heute

Die heute in Mode gekommenen Rankings lassen bei aller Unschärfe doch eines durchblicken: Regelmäßig erscheint die Georgia Augusta fachlich auf hohen und höchsten Rängen; bei der äußerlichen Attraktivität gibt man eher südlicheren Städten den Vorzug. Die konzentrierte, überschaubare Studien- und Lebensatmosphäre ist es dagegen, die bei näheren Vergleichen manchen wieder nach Göttingen zurückkommen lässt.

Anderes lässt sich gar in Zahlen messen: Nach Kriterien der sozialen Situation steht die kleine Großstadt an der Spitze. Der Wohnungsmarkt ist nicht völlig "zu", das Kulturangebot läßt die Qual der Wahl unter drei Theatern, dreizehn Kinos und mehreren Kulturzentren. Mit 24 internationalen Hochschulen unterhält die Georgia Augusta institutionell geordnete Partnerschaften und Austauschbeziehungen, dazu kommt eine Vielzahl von Kooperationen einzelner Wissenschaftler und Institute. Der Anteil ausländischer Studenten ist mit ca. 2000 hoch, bei Erasmus steht Göttingen mit an der Spitze der deutschen Universitäten und auch in der Drittmitteleinwerbung ist man erfolgreich.

Das alte Rathaus mit dem Gänseliesel, durch abertausende frischgebackene Doktoranden das "meistgeküsste Mädchen der Welt", zieht auch weiterhin Touristen und wissenschaftliche Gäste an. Was Göttinge sich an lokaler Bescheidenheit auferlegt wird so durch ideelle weltweite Präsenz mehr als wett gemacht.